Leberwurst im Kindergarten
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| Quelle: Bild KI-generiert |
Neulich hatte ich ein interessantes Gespräch. Ich saß in einem Workshop und wir hatten eine kurze Pause. Die Trainerin, zwei weitere Teilnehmende und ich unterhielten uns über unsere Kinder. Das konkrete Thema war "das Sonntagsgewand" der Kinder. Mein Take ist: In meiner Familie gibt es - zumindest für die Kinder - nicht mehr "die gute Ausgehkleidung". Wenn wir die besonders schönen Klamotten nur für die besonderen Anlässe aufheben, schwöre ich Stein und Bein darauf, dass sie zu klein sind, wenn der Anlass da ist. Deshalb habe ich zwei Konsequenzen gezogen:
- Besondere Kleidung (festliche Kleider, Kinderhemden, Blusen, Verkleidungen) werden entweder gebraucht oder im Angebot gekauft. Denn...
- Besondere Kleidung darf auch im Alltag angezogen und dreckig (!!!) werden.
Die Trainerin bekam Schnappatmung und zeigte sogleich den Bildschirm ihres Privathandys. Zu sehen war eine Sepia-Aufnahme ihrer zweijährigen Tochter im Matrosenkleidchen mit Rosen-Stirnband in einem Fotograf*innen-Setting. "Ich mache die Kleine so gerne schick. Dann bleibe ich aber auch den ganzen Tag bei ihr und sorge dafür, dass sie nicht schmutzig wird. Ich passe auf, was sie so spielt und füttere sie auch, damit nichts daneben geht."
Horror. Mein spontaner Gedanke war, dass das Kind dann ja bereits im frühesten Alter lernt, dass Festtage zum Kotzen sind. Ich dachte an mein jüngeres Kind. Gerade an diesem Tag war es zwar nicht in Festkleidung gehüllt, aber trotzdem besonders zurechtgemacht. Ich weiß nicht, ob ich recht habe, aber ich unterstelle der Trainerin, dass sie auch im Alltag einen scharfen Blick auf das Styling des Nachwuchses hat. Mein Kind hätte sie sicherlich nicht in dem Aufzug aus dem Haus gelassen, wie ich es bestens gelaunt im Kindergarten verabschiedet hatte. Ganz alleine wurden bei uns zu Hause an diesem Morgen fein säuberlich alle Klamotten in der Lieblingsfarbe Rosé zusammengestellt. Rosa Jeans, rosa T-Shirt, rosa Sweatshirt. Alles in einem Ton. Aus dem Augenwinkel dachte ich, das Kind sei nackt. Bei Frontalbeschau hatte ich dann aber im ersten Moment die Assoziation: Alles im Farbton "Leberwurst".
Auch das große Kind kam mir in den Sinn. In den letzten beiden Kindergartenjahren trug es IMMER einen Tüllrock. Zur Leggings, zur Strumpfhose, über der Jeans, mit Sweatshirt, unterm Kleid, mit Turnschuhen, mit Ballerinas, mit Gummistiefeln oder barfuß. Und es liebte Muster. Am liebsten alle auf einmal. Oftmals war das einzige nicht im Outfit enthaltene Muster Karo.
Ob ich das so anziehen würde? Eher nicht. Ob ich meine Kinder so vor die Tür gehen lasse? Um jeden Preis! Das Stichwort ist hier "Selbstwirksamkeit". Auch wenn Kinder klein sind, haben sie einen Geschmack. Dieser ist oft unkonventionell, aber auch nicht von Dauer, sprich, manchmal bereits am nächsten Tag ein anderer. Aber ist nicht auch dies Teil der Menschwerdung? Versuch und Irrtum darf doch auch hier helfen.
Der Anblick eines Kindes, das sich besonders schick gemacht hat und vor Stolz platzt, ist unbezahlbar. Wird die Trainerin wohl nie erfahren... ¯\_(ツ)_/¯

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